Auswandererbriefe aus Nordamerika

 

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Deutsche im Amerikanischen Bürgerkrieg

Aus dem Vorwort

Daß für fast alle Amerikaner der Bürgerkrieg (1861-1865) das einschneidenste Ereignis ihrer Geschichte ist, kann kaum erstaunen. Bemerkenswert ist angesichts der Vernichtungskraft moderner Waffen eher, daß im Bürgerkrieg mehr amerikanische Soldaten fielen als in allen anderen zusammen - vom Unabhängigkeits- bis zum Irakkrieg. Doch nur wenige Amerikaner und noch weniger Deutsche dürften wissen, daß jeder zehnte Soldat der siegreichen Nordstaaten-Armee ein deutscher Einwanderer war.

Die in den 1980er Jahren aufgebaute Bochumer Auswandererbrief-Sammlung (BABS) enthält nahezu 1000 Briefe von gut 250 Briefschreibern aus den Jahren 1860-1865. Diese Briefe erwiesen sich als so faszinierend, daß die Herausgeber, jeder für sich, nachdrücklich zu dem Schluß kamen, daß ein möglichst großer Teil dieser Briefe veröffentlicht werden sollte.

Sie rückten uns ins Bewußtsein, wie groß die Bedeutung des Krieges für die meisten deutschen Einwanderer war – und welche Rolle die deutschen Soldaten für die Unionsarmee spielten. Wir begriffen aber auch, daß Politik und Kampfgeschehen sich aus der Sicht der Deutschen anders ausnahmen als etwa in den Briefen von Amerikanern.

Erstere konnten andere Vergleiche anstellen, hatten häufig andere Motive und fast immer andere soziale Beziehungen in der Armee. Sie paßten sich der Kriegssituation gut an – oder auch nur einigermaßen – oder fast gar nicht. Aber in beinahe jedem Fall beschrieben die Immigranten, gleich welchen Bildungsgrades, den amerikanischen Bürgerkrieg aus einer sehr deutlich deutschen Sicht.

Es war vor allem diese interkulturelle Brechung des Erlebens und der Darstellung, die uns fesselte und dazu bewog, die Publikation eines Teils dieser Texte ins Auge zu fassen. Denkbar unwichtig war dabei die seit drei Generationen lebendige Kontroverse über das Gewicht der deutschen Soldaten für den Unionssieg – wie viele Freiwillige, wie viele qualifizierte und bewährte deutsche Generäle, wie viele vorwiegend deutsche Regimenter. Spannend erschien der Kontrast zwischen der fast einstimmigen Meinung der deutschen Soldaten und Zivilisten, die deutschen Regimenter und Generäle seien die besten und vom Feind gefürchtetsten der ganzen Unionsarmee – und der mehrheitlich gegenteiligen Meinung der amerikanischen Presse und auch der amerikanischer Militärs.

Die Briefe weckten auch Zweifel an der von Zeitgenossen wie Historikern vertretenen, ehrwürdig-versöhnlichen These, der Bürgerkrieg sei der große Schmelztiegel gewesen, der die Fremdenfeindlichkeit überwand, weil Einwanderer und Amerikaner gemeinsam ihr Blut vergossen. Oder auch an der ganz neuen über die patriotische Motivation der Unions-Soldaten, die der wohl renommierteste Bürgerkriegs-Historiker aufstellte und zu der unsere Briefe so gar nicht passen wollen.

Wer einige Dutzend Seiten dieses Bandes gelesen hat, wird erkennen, daß es abwegig wäre, den Herausgebern zu unterstellen, sie 'feierten' die Deutschen im Bürgerkrieg oder versuchten ein Heldenepos zu präsentieren. 'Filiopietistische' Lobhudeleien oder auch nur Ehrenrettungen liegen uns fern. Und doch meinen wir, daß diese persönlichen Dokumente zum Kriegserlebnis deutscher Einwanderer auch fast anderthalb Jahrhunderte später in ihrer alten Heimat Interesse finden werden. In den USA sind Veröffentlichungen von Bürgerkriegsbriefen seit Ende des 19. Jahrhunderts zu einem eigenen Genre geworden, von dem es insgesamt bereits mehr als 1 000 Titel gibt – meist die Briefe eines einzelnen Soldaten, darunter auch mehrere Deutschamerikaner. Eine Sammlung der Briefe von mehreren deutschen Einwanderern gibt es nicht – schon gar nicht eine wissenschaftliche Edition.

Der vorliegende Band hätte nicht erscheinen können ohne die grundlegenden Vorarbeiten der Briefsammlung, der biographischen und anderen Recherchen, der Transkription, der Katalogisierung und schließlich der Edition von „Briefe aus Amerika“, die dank der großzügigen Unterstützung durch die Stiftung Volkswagenwerk so gründlich geleistet werden konnten. Die Vorbereitung von „Briefe aus Amerika“ begann indirekt 1979 und gezielt 1984; der Band erschien durch das Engagement zahlreicher, vor allem studentischer Mitarbeiter 1988. Zwei Jahre später begannen die Herausgeber die Vorarbeiten für den vorliegenden Band. Und obwohl die meisten zeitraubenden Arbeiten bereits getan waren, dauerte es angesichts vielfältiger anderer Verpflichtungen und der Distanz des Atlantik zehn Jahre, bis das Manuskript abgeschlossen war.